Was Schweizer Unternehmen bei Nachhaltigkeit erfüllen müssen
Nachhaltigkeit ist für Schweizer Firmen längst keine reine Imagefrage mehr, sondern eine Aufgabe mit klaren rechtlichen Konturen. In den kommenden Jahren wächst der Pflichtenkatalog spürbar, vor allem für grosse Unternehmen. Dieser Beitrag erklärt, was bereits gilt, was neu hinzukommt und warum die soziale Seite der Nachhaltigkeit an Gewicht gewinnt.
Der bisherige Rahmen
Schon heute kennt das Schweizer Recht verbindliche Vorgaben. Grosse Publikumsgesellschaften und vergleichbar bedeutende Unternehmen müssen seit dem Geschäftsjahr 2023 einen Bericht über nichtfinanzielle Belange vorlegen. Darin geht es um Umwelt, soziale Fragen, Arbeitsbedingungen, Menschenrechte und die Bekämpfung von Korruption. Hinzu kommen besondere Sorgfaltspflichten in zwei heiklen Bereichen, konkret bei sogenannten Konfliktmineralien und bei Kinderarbeit. Firmen, die Produkte oder Rohstoffe aus Risikoregionen beziehen, müssen ihre Lieferkette prüfen und darüber Rechenschaft ablegen. Dieser Rahmen war ein erster Schritt, blieb im internationalen Vergleich aber eher zurückhaltend.
Das neue Gesetz zur nachhaltigen Unternehmensführung
Den nächsten grossen Schritt bringt das geplante Bundesgesetz über die nachhaltige Unternehmensführung, kurz NUFG. Der Bundesrat hat die Vernehmlassung am 1. April 2026 eröffnet, sie dauert bis zum 9. Juli 2026. Das Gesetz ist als indirekter Gegenvorschlag zur Volksinitiative für verantwortungsvolle Unternehmen entstanden und orientiert sich eng an den aktuellen Vorgaben der Europäischen Union. Ziel ist es, grosse Firmen stärker auf Menschenrechte und Umweltschutz zu verpflichten und den Mittelstand zugleich nicht zu überlasten. Damit versucht die Schweiz einen ähnlichen Balanceakt wie die EU, die ihre eigenen Regeln zuletzt gestrafft und übersichtlicher gestaltet hat.
Was Unternehmen konkret tun müssen
Im Zentrum stehen zwei Pflichten, die ineinandergreifen. Zum einen müssen betroffene Firmen systematisch prüfen, wo in ihrem Geschäft und entlang der Lieferkette Risiken für Mensch und Umwelt entstehen. Zum anderen müssen sie transparent darüber berichten. In der Praxis bedeutet das eine Reihe konkreter Schritte:
- Eine regelmässige Risikoanalyse über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg
- Konkrete Massnahmen, um erkannte Risiken zu vermeiden oder zu verringern
- Eine nachvollziehbare Dokumentation der getroffenen Entscheidungen
- Ein verständlicher Nachhaltigkeitsbericht, der auch für Aussenstehende prüfbar ist
- Ein Beschwerdeweg, über den Betroffene Missstände melden können
Für viele Unternehmen ist das mehr als eine zusätzliche Pflichtübung. Es zwingt sie, eigene Abläufe und Lieferanten genauer zu kennen, als das bisher üblich war. Genau darin liegt aber auch eine Chance, denn ein Betrieb, der seine eigenen Risiken kennt, kann sie auch besser steuern und böse Überraschungen vermeiden.
Anlehnung an die EU und der Zeitplan
Die enge Orientierung an der EU hat einen praktischen Grund. Viele Schweizer Firmen handeln ohnehin mit dem europäischen Binnenmarkt und müssen dessen Regeln bereits beachten. Ein eigener, stark abweichender Sonderweg würde doppelten Aufwand bedeuten. Deshalb übernimmt das NUFG zentrale Elemente der europäischen Berichts- und Sorgfaltsregeln, passt sie aber an die Schweizer Verhältnisse an. Bis die Vorlage in Kraft tritt, dürfte noch Zeit vergehen, denn nach der Vernehmlassung folgen die Beratungen im Parlament. Unternehmen sind dennoch gut beraten, sich früh vorzubereiten, weil der Aufbau verlässlicher Daten und Prozesse erfahrungsgemäss Monate dauert.
Die soziale Dimension wird wichtiger
Auffällig am neuen Rahmen ist, wie stark die soziale Säule betont wird. Lange stand der Klimaschutz im Vordergrund, doch Menschenrechte, faire Arbeit und der Schutz von Konsumentinnen und Konsumenten rücken nun gleichberechtigt daneben. Nachhaltigkeit meint damit nicht nur den ökologischen Fussabdruck, sondern auch die Frage, wie ein Unternehmen mit Menschen umgeht. Diese Verschiebung verändert, woran sich verantwortungsvolles Wirtschaften messen lässt, und sie betrifft am Ende jede Branche.
Ein Blick auf streng regulierte Branchen
Wie weit gesetzlich erzwungene soziale Verantwortung gehen kann, zeigt sich in stark regulierten Bereichen besonders deutlich. Im Glücksspiel etwa ist der Schutz der Kundschaft eine harte Zutrittsbedingung. Konzessionierte Online-Casinos in der Schweiz etwa müssen Sozialkonzepte führen, Verlustlimits anbieten und gefährdete Gäste aktiv schützen. Wer dagegen verstösst, setzt seine Konzession aufs Spiel. Dieses Modell nimmt vorweg, was mit dem neuen Gesetz auf die breite Wirtschaft zukommt: verbindliche Pflichten anstelle freiwilliger Versprechen. Wie der gesamte Wandel der Unternehmensverantwortung in der Schweiz verläuft, ordnet unser Überblick zur nachhaltigen Unternehmensführung ein.
Warum Transparenz an Bedeutung gewinnt
Ein roter Faden zieht sich durch alle neuen Vorgaben: die Transparenz. Berichte sollen vergleichbar werden, damit Investoren, Kundschaft und Öffentlichkeit echte Fortschritte von blossen Versprechen unterscheiden können. Damit steigt auch der Druck, Schönfärberei zu vermeiden, denn ein Unternehmen, das viel verspricht und wenig liefert, gerät schnell in die Kritik. Einheitliche Kennzahlen und geprüfte Angaben erschweren das sogenannte Greenwashing und belohnen jene Firmen, die ihre Hausaufgaben wirklich machen. Auf diese Weise wird aus einem Berichtspflichtenheft ein Werkzeug, das den Markt insgesamt ehrlicher macht und seriöse Anbieter sichtbar belohnt.
Erste Schritte für die Praxis
Für Unternehmen, die sich vorbereiten wollen, lohnt sich ein nüchterner Start. Sinnvoll ist es, zunächst eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen und zu klären, welche Daten überhaupt schon vorliegen und wo grosse Lücken klaffen. Daraus lässt sich eine überschaubare Liste der wichtigsten Risiken ableiten, die man zuerst angeht. Hilfreich ist zudem, eine verantwortliche Person zu benennen, die das Thema bündelt, statt es auf viele Schultern zu verteilen und damit zu verwässern. Schliesslich zahlt sich der Austausch mit Branchenkollegen aus, weil viele vor denselben Fragen stehen. So wird aus einer abstrakten Pflicht ein konkreter Fahrplan, der sich Schritt für Schritt abarbeiten lässt und den eigenen Betrieb nicht überfordert.
Unterm Strich verschiebt sich die Messlatte. Verantwortung wird vom guten Willen zur dokumentierten Pflicht, und Unternehmen tun gut daran, sich frühzeitig darauf einzustellen, anstatt den Aufwand bis kurz vor Inkrafttreten aufzuschieben.