Fridays for Future Schweiz: Wie alles begann
Als Greta Thunberg im August 2018 allein vor dem schwedischen Reichstag sass, ahnte sie vermutlich nicht, was dieser Einzelakt auslösen würde. Wenige Monate später standen in Zürich rund 500 Schülerinnen und Schüler auf der Strasse — die Schweiz hatte den Impuls aufgegriffen. Was daraus entstand, war keine importierte Bewegung, sondern etwas Eigenständiges.
Die globale Bewegung und ihr Start in der Schweiz
Am 20. August 2018 begann Greta Thunberg ihren Schulstreik in Stockholm. Die damals 15-Jährige stellte sich mit einem selbstgemalten Schild — «Skolstrejk för klimatet» — vor das schwedische Parlament. Nicht einmal drei Wochen blieb sie dort, bis zur Parlamentswahl am 9. September. Danach machte sie jeden Freitag weiter. Die Botschaft war klar: Solange Erwachsene die Klimafrage nicht ernst nehmen, verweigert sie den Schulbesuch.
Über Social Media verbreitete sich das Bild dieser allein sitzenden Jugendlichen innerhalb von Wochen in Dutzende Länder. In der Schweiz reagierte die erste Gruppe im Dezember 2018. Am 14. Dezember 2018 blieben in Zürich rund 500 Schülerinnen und Schüler dem Unterricht fern und demonstrierten in der Innenstadt. Bereits eine Woche später folgten Klimaproteste in drei weiteren Städten — insgesamt knapp 3’000 Teilnehmende schweizweit in dieser zweiten Runde. Die Schweizer Klimastreik-Bewegung ist über ihre nationale Plattform climatestrike.ch erreichbar.
Ein wesentlicher Unterschied zur internationalen Bewegung: Die Schweiz entwickelte mit dem «Klimastreik Schweiz» rasch eine eigene Marke. Während anderswo die Bezeichnung «Fridays for Future» dominierte, etablierten die Schweizer Gruppen den Begriff Klimastreik als primäre Identität. Der Grund dürfte pragmatisch sein: In einer mehrsprachigen Demokratie braucht man Namen, die auf Deutsch, Französisch und Italienisch funktionieren. «Klimastreik» lässt sich in «Grève du climat» und «Sciopero per il clima» übersetzen. «Fridays for Future» blieb als internationaler Bezugspunkt erhalten, trat aber im Schweizer Kontext in den Hintergrund. Die internationale Bewegung ist unter fridaysforfuture.org vernetzt.
Ende Dezember 2018 trafen sich über 100 Jugendliche aus verschiedenen Landesteilen zu einem ersten nationalen Koordinationstreffen in Bern. Es folgte ein zweites im Januar 2019. Hier entstand das Grundgerüst einer Organisationsstruktur — allerdings eine sehr lose.
Wer organisierte das in der Schweiz?
Keine Zentrale, kein Vorstand, keine Mitgliedsliste. Das war von Anfang an das Organisationsprinzip. Lokale Gruppen in Zürich, Lausanne, Bern, Basel und Genf bildeten sich unabhängig voneinander und koordinierten sich horizontal. Die nationalen Treffen in Bern dienten der Vernetzung und der Abstimmung gemeinsamer Aktionsdaten — nicht der Steuerung.
Das hatte praktische Gründe. Wer eine straffe Hierarchie aufbaut, braucht Zeit, Ressourcen und eine stabile Kern-Gruppe. Jugendliche, die nebenbei zur Schule gehen, haben das kaum. Die dezentrale Struktur war also nicht nur Ideologie, sondern Notwendigkeit. Sie hatte auch einen Vorteil: Jede Gruppe konnte ihre Aktion regional anpassen, ohne auf Genehmigungen von oben zu warten.
Lausanne gehörte früh zu den aktivsten Zentren. Dass ausgerechnet die Westschweiz zu den stärksten Mobilisierungsorten zählte, überraschte manche Beobachter. Rückblickend erklärt es sich teilweise damit, dass dort bereits eine aktive Klimaschutzbewegung unter Jugendlichen existierte, die den Anstoss aus Stockholm schnell aufgriff.
Die Mehrsprachigkeit war eine Herausforderung für die nationale Kommunikation — und gleichzeitig ein Beweis für die Breite der Bewegung. Dass Deutschschweizer, Westschweizer und (in kleinerem Ausmass) Tessiner Jugendliche gemeinsame Aktionstage durchführten, war nicht selbstverständlich. Es erforderte eine Übersetzungsarbeit, die meist informell ablief.
Die ersten Monate 2019 — Aufbau und Wachstum
Ab Januar 2019 wurden die Aktionen regelmässig. Am 18. Januar 2019 — dem dritten schweizweiten Aktionstag — gingen in Lausanne schätzungsweise 8’000 Schülerinnen und Schüler auf die Strasse. In Zürich waren es rund 2’000, in Basel mehrere hundert. SRF und die NZZ berichteten. Die Bewegung war in den Redaktionen angekommen.
Anfang Februar 2019 demonstrierten in 14 Schweizer Städten erneut Tausende — neben Schülerinnen und Schülern auch Eltern, Grosseltern und andere Sympathisantinnen. In Lausanne nahmen rund 10’000 Menschen teil. Innerhalb von wenigen Wochen hatte sich die Bewegung vom Schulhof in breitere Gesellschaftsschichten ausgedehnt.
Die Frage der Entschuldigung bei Fehlen an Schultagen beschäftigte die Schulbehörden. Einzelne Kantone und Direktionen reagierten unterschiedlich: Manche Schulleitungen tolerierten die Absenzen stillschweigend, andere verlangten Elternentschuldigungen oder liessen Einträge ins Klassenbuch machen. Eine einheitliche Regelung gab es nie. Das Thema sorgte für kurze mediale Aufmerksamkeit, verlor aber schnell an Bedeutung — gemessen an den Teilnehmendenzahlen hatten die meisten Schulleitungen wenig Interesse daran, die Konfrontation zu suchen.
Von Dezember 2018 bis März 2019 wuchs die Bewegung von einigen hundert auf mehrere Zehntausend Teilnehmende an den Aktionstagen. Dieser Anstieg in unter vier Monaten ist für eine Jugendbewegung ohne institutionellen Rückhalt bemerkenswert. Er lässt sich kaum allein durch Social-Media-Koordination erklären — die Thematik traf in jenem Winter offenbar einen Nerv, der über die übliche Mobilisierungsdynamik hinausging.
Fazit
Die Anfänge von Fridays for Future in der Schweiz folgten keinem Plan. Ein Einzelbild aus Stockholm, 500 Jugendliche in Zürich, ein Treffen in Bern — das war der Ausgangspunkt. Was die Bewegung in den ersten Monaten von vielen anderen unterschied, war die Geschwindigkeit des Wachstums und die Fähigkeit, in einer mehrsprachigen Gesellschaft gleichzeitig Fuss zu fassen. Wie daraus eine der grössten Klimamobilisierungen der Schweizer Geschichte wurde, ist eine andere Geschichte.