Zum Inhalt springen
Klimaaktivismus Schweiz

Klimastreik Schweiz: Geschichte, Höhepunkt und Wandel einer Bewegung

Klimastreik Demo in Bern 2019 mit Tausenden Teilnehmenden

Im Herbst 2019 zogen rund 100’000 Menschen durch Bern — mehr als bei jeder vergleichbaren Klimademo in der Schweizer Geschichte. Hinter dieser Zahl steckt eine Bewegung, die innerhalb eines knappen Jahres von einem Schülerstreik zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden war. Was hat sie ausgelöst, wie weit kam sie politisch, und warum sind heute wieder weit weniger Menschen auf der Strasse?

Der Beginn: Greta Thunberg und die Schweizer Reaktion

Im August 2018 setzte sich die damals 15-jährige Greta Thunberg vor das schwedische Parlament in Stockholm und begann ihren Schulstreik für das Klima. Die Geste war einfach, die Botschaft eindeutig: Warum soll ich für eine Zukunft lernen, wenn diese Zukunft nicht gesichert ist? Was als Einzelaktion begann, verbreitete sich über soziale Medien in wenigen Monaten weltweit.

In der Schweiz reagierten erste Jugendliche im Dezember 2018. Am 8. Dezember 2018 fand in Bern im Rahmen eines internationalen Aktionstags eine Klimademo mit rund 1’500 Teilnehmenden statt. Kurz darauf, am 14. Dezember 2018, blieben in Zürich erstmals Schülerinnen und Schüler dem Unterricht fern und zogen stattdessen durch die Innenstadt — rund 500 Jugendliche, inspiriert von Thunbergs Beispiel. Das Datum gilt heute als Startpunkt der organisierten Klimastreik-Bewegung in der Schweiz. Die aktuelle Plattform und Aktionstermine der Schweizer Klimastreik-Bewegung sind auf climatestrike.ch zu finden.

Ende Dezember 2018 vernetzten sich über 100 Jugendliche aus verschiedenen Landesteilen an einem ersten nationalen Treffen in Bern. Schon ab Januar 2019 begannen regelmässige Aktionen — in Lausanne nahmen an einem «Marsch für das Klima» rund 8’000 Menschen teil, in Basel, Bern und St. Gallen weitete sich der Schülerstreik auf mehrere Tausend aus. Die frühe Bewegung war mehrsprachig und regional gut verteilt: Organisationsgruppen entstanden gleichzeitig in Lausanne, Zürich, Bern, Basel und Genf, was der nationalen Ausstrahlung zugutekam.

Wichtig für das Verständnis der Bewegung ist, dass sie von Anfang an keine klassische Interessensorganisation war. Es gab keine Dachstruktur, keinen Vorstand, keine Mitgliedschaften. Lokale Gruppen koordinierten sich lose — was die Bewegung agil machte, aber auch anfällig für Fragmentierung.

Der grosse Streik vom 28. September 2019

Der 28. September 2019 war der Höhepunkt. In Bern versammelten sich laut den Organisatoren rund 100’000 Menschen — die Klimaallianz, ein Bündnis von über 80 Organisationen, hatte zur nationalen Kundgebung aufgerufen. Über die genaue Zahl lässt sich streiten: Die Polizei sprach zunächst von deutlich weniger, die Organisatoren korrigierten die Schätzung im Laufe des Nachmittags mehrfach nach oben. Klar war: Es war eine der grössten politischen Demonstrationen in der neueren Schweizer Geschichte.

Schweizweit gingen an diesem Tag in rund 20 Städten gleichzeitig Menschen auf die Strasse — die Gesamtzahl der Teilnehmenden wird auf rund 500’000 geschätzt. Neben den grossen Städten Zürich, Genf und Basel gab es auch in kleineren Zentren wie Luzern, Winterthur und St. Gallen substanzielle Kundgebungen.

Was die Demonstration in Bern besonders auffällig machte, war ihre Zusammensetzung. Schulkinder und Studierende bildeten zwar den sichtbaren Kern der Bewegung, aber am 28. September liefen auch Gewerkschafter, Rentnerinnen, Eltern mit Kinderwagen und Berufsleute mit. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hatte zur Teilnahme aufgerufen. Klimaseniorinnen — ein Frauenverein älterer Jahrgänge — waren ebenfalls prominent präsent. Die Bewegung hatte sich, zumindest an diesem Tag, aus dem Jugendzimmer herausbewegt.

Die Forderungen waren nicht neu, aber diesmal laut: Netto-Null-Emissionen bis 2030 im Inland, Ausrufung des Klimanotstands auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene sowie Klimagerechtigkeit. Das Zieljahr 2030 unterschied sich bewusst von den offiziellen Schweizer Klimazielen, die damals Netto-Null bis 2050 vorsahen. Die Bewegung wollte Dringlichkeit signalisieren — nicht Konsens.

Der internationale Kontext spielte eine Rolle. Der globale Klimastreik fand weltweit an diesem Wochenende statt; in Deutschland, Grossbritannien, Australien und den USA mobilisierten Millionen Menschen. Die Schweizer Zahlen wurden im Ausland wahrgenommen, zumal das Land flächenmässig klein ist und 100’000 in Bern proportional viel bedeutet.

Wie die Bewegung auf die Politik wirkte

Der direkte kausale Zusammenhang zwischen Klimastreik und politischem Ergebnis lässt sich selten sauber belegen. Was sich aber dokumentieren lässt, sind zeitliche Korrelationen und konkrete Reaktionen in den Parlamenten.

Auf Gemeindeebene reagierte Basel-Stadt als einer der ersten: Das Parlament erklärte im Februar 2019 offiziell den Klimanotstand. Es folgten Liestal — als erste Gemeinde überhaupt — sowie Olten, Delémont und weitere Städte. Im Kanton Waadt, Freiburg und Jura verabschiedeten Parlamente ähnliche Resolutionen. Die Deklarationen hatten unterschiedlichen Verbindlichkeitsgrad — manche blieben symbolisch, andere lösten konkrete Klimapläne aus.

Im Bundeshaus war der Effekt messbar. Die Zahl klimapolitischer Vorstösse stieg von 57 zwischen Juni 2017 und Mai 2018 auf 154 zwischen Juni 2018 und Mai 2019 — laut einer Auswertung des Tagblatts ein Anstieg von fast 170 Prozent. Im März 2019 reichte Nationalrätin Samira Marti eine Motion zur Ausrufung des Klimanotstands ein. Zur umfassenderen Einordnung des Klimaengagements von Umweltorganisationen wie dem WWF Schweiz lohnt ein Blick auf wwf.ch/klima.

Die Wahlen vom Oktober 2019 — kurz nach dem grossen Streik — gingen als «Klimawahl» in die politische Geschichte der Schweiz ein. Die Grünen gewannen 17 zusätzliche Nationalratsmandate, die Grünliberalen 9. Zusammen erreichten die beiden Parteien rund 21 Prozent der Stimmen.

Ob der Klimastreik das CO2-Gesetz beeinflusst hat, ist eine andere Frage. Das Gesetz entstand in einem mehrjährigen parlamentarischen Prozess, der unabhängig von der Bewegung lief. Die zeitliche Nähe legt eine Wechselwirkung nahe — aber das CO2-Gesetz wurde im Juni 2021 an der Urne abgelehnt. Die Mobilisierung auf der Strasse hatte das Abstimmungsresultat nicht beeinflusst.

Der Einbruch — was passierte nach 2020

Anfang 2020 war die Klimastreik-Bewegung noch mobilisierungsfähig. Dann kam der März 2020 und mit ihm die COVID-19-Pandemie. Versammlungsverbote, Abstandsregeln, die allgemeine Ausnahmesituation — die Bewegung musste auf öffentliche Grossveranstaltungen verzichten. Aktivistinnen und Aktivisten sprachen offen davon, dass die Bewegung «faktisch lahmgelegt» sei.

Der erste Klimastreik nach Ausbruch der Pandemie fand im Herbst 2020 in kleinerem Rahmen statt, dezentral und mit Schutzkonzept. Die Mobilisierungskraft war nicht mehr vergleichbar mit 2019. Das war erwartbar — Massenversammlungen waren unter den Pandemiebedingungen nicht möglich.

Was jedoch auch unabhängig von COVID sichtbar wurde: Bewegungen lassen sich nicht dauerhaft auf dem Niveau von 2019 halten. Organisatorinnen sprachen intern von Erschöpfung, von Abnutzung, von der Schwierigkeit, Menschen über Jahre zu aktivieren, ohne greifbare Erfolge vorweisen zu können. Das CO2-Gesetz scheiterte im Juni 2021 an der Urne mit 51,6 Prozent Nein-Stimmen. Das war ein Dämpfer.

Im September 2021 fanden wieder grössere Klimastreiks statt. Die Zahlen blieben deutlich unter 2019. Wo einst 100’000 in Bern demonstriert hatten, mobilisierte die Bewegung nun einige Tausend.

Wo steht die Bewegung heute

Der Klimastreik Schweiz existiert weiterhin. Er ist jedoch nicht mehr das, was er 2019 war — weder in der Mobilisierungskraft noch in der medialen Aufmerksamkeit. Das ist kein Sonderfall: Soziale Bewegungen folgen Wellenmuster. Die Frage ist, was nach dem Wellenberg bleibt.

Was geblieben ist: eine stärker institutionalisierte Klimabewegung. Viele der Aktivistinnen und Aktivisten der ersten Stunde sind heute in Klimaorganisationen, Parteien oder NGOs aktiv. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab den Klimaseniorinnen im April 2024 Recht — ein juristischer Durchbruch, der ohne die Mobilisierungsgeschichte der letzten Jahre schwer vorstellbar wäre.

Neue Aktionsformen ergänzen die Strasse: Klimaklagen, Finanzmarkt-Lobbying gegen fossile Investitionen, Arbeit in Gemeinderäten und Kantonsparlamenten. Der Klimastreik selbst hat sich thematisch erweitert — Klimagerechtigkeit, also die Verbindung von sozialer Ungleichheit und Klimafrage, ist zentraler geworden.

Hat der Klimastreik nachhaltig etwas verändert? Das Klimathema ist dauerhaft auf der politischen Agenda. Die Sensibilisierung einer ganzen Generation von Jugendlichen für Klimafragen ist real. Dass der Bundesrat das Netto-Null-Ziel für 2050 gesetzlich verankert hat, wäre ohne öffentlichen Druck schwerer durchsetzbar gewesen. Was die Bewegung nicht erreicht hat: ihr eigenes Ziel von Netto-Null bis 2030. Daran gemessen war sie nicht erfolgreich. Das sagen viele ihrer eigenen Aktiven auch so.

Fazit

Der Klimastreik Schweiz war eine der grössten zivilgesellschaftlichen Mobilisierungen der jüngeren Schweizer Geschichte. Der September 2019 markierte einen Hochpunkt, der in dieser Form nicht wiederholt wurde. COVID-19, Erschöpfung und das Scheitern des CO2-Gesetzes an der Urne haben die Bewegung zurückgeworfen — nicht beendet. Heute ist sie kleiner, diverser in ihren Methoden und tiefer in bestehende Strukturen eingebettet. Was die Zahlen von 2019 zeigen: Die Schweizer Bevölkerung kann sich für Klimafragen auf der Strasse versammeln. Dass dieser Impuls nicht verloren gegangen ist, dürfte für die nächsten Jahre relevant bleiben.