Gletscher Schweiz schmelzen: Zahlen, Fakten, Folgen
Schweizer Gletscher haben seit dem Jahr 2000 rund 38 Prozent ihres Eisvolumens verloren — von etwa 74 auf knapp 46 Kubikkilometer. Allein in den Jahren 2022 und 2023 verschwand ein Zehntel des verbleibenden Eises. Das sind keine Schätzungen, sondern Messwerte des nationalen Gletschermessnetzes GLAMOS. Was diese Zahlen konkret bedeuten, zeigt ein Blick auf die Messdaten, die betroffenen Gletscher und die Konsequenzen für Wasser, Berglandschaften und Tourismus.
Was die Messungen zeigen
GLAMOS — das Glacier Monitoring Switzerland — dokumentiert seit Jahrzehnten die Veränderungen der Schweizer Gletscher mit jährlichen Feld- und Fernerkundungsmessungen. Die Datenlage ist präzise, und die Kurve zeigt in eine einzige Richtung.
1850 gab es in der Schweiz rund 1’800 Gletscher. Heute sind es noch etwa 1’400 — die Anzahl hat abgenommen, der Rückgang der Eisfläche und des Volumens ist aber dramatischer als die Zahl der Gletscher suggeriert. Viele der verbliebenen 1’400 sind stark geschrumpft, einige kaum noch als Gletscher im eigentlichen Sinn zu bezeichnen.
Der Grosse Aletschgletscher im Kanton Wallis ist mit gut 75 Quadratkilometern der grösste Gletscher der Alpen. Seit dem Jahr 2000 hat sich seine Zunge um mehr als einen Kilometer zurückgezogen. MeteoSchweiz dokumentiert einen jährlichen Längenverlust von 50 bis 80 Metern — wobei extreme Sommer diesen Wert deutlich nach oben treiben. An mittlerer Eisdicke verliert der Aletschgletscher in heissen Jahren über zwei Meter.
Der Rhonegletscher im Kanton Wallis ist touristisch bekannt: Besucher können die Gletscherhöhle begehen, die jedes Jahr neu ins Eis gesprengt wird. Seit 2010 wird ein Teil der Gletscheroberfläche im Sommer mit weissen Vliesplanen abgedeckt. Das Ergebnis ist messbar: In bedeckten Bereichen schmilzt pro Jahr rund vier Meter weniger Eis als in unbedeckten. Über die gesamte Laufzeit von 2010 bis 2019 konnte auf diese Weise schätzungsweise 0,3 Prozent des Eisverlusts verhindert werden. Ein beachtlicher Effekt für den lokalen Bereich — am grundsätzlichen Rückgang des Gletschers ändert das nichts.
Rekordverluste 2022 und 2023
2022 war ein Ausnahmejahr. Die Kombination aus schneearmen Winter, früh setzender Hitze und einem langen Sommer ohne kühlende Niederschläge führte dazu, dass die Schweizer Gletscher in einem einzigen Jahr rund sechs Prozent ihres verbleibenden Eisvolumens verloren — etwa drei Kubikkilometer. GLAMOS beschrieb das als Rekordschmelze, die alle bisherigen Messwerte übertraf.
2023 folgte als zweites Extremjahr. Der Verlust lag bei rund vier Prozent des Restvolumens — der zweitstärkste Rückgang seit Beginn der systematischen Messungen. In zwei aufeinanderfolgenden Jahren verschwanden damit zehn Prozent des Eisvolumens. Zum Vergleich: Der gleiche Verlust über die dreissig Jahre von 1960 bis 1990 erstreckt sich — was die Beschleunigung illustriert.
Das Gesamtvolumen der Schweizer Gletscher liegt nach aktuellen Messungen von GLAMOS bei rund 46,4 Kubikkilometern (Ende 2024). 2024 brachte mit einem Verlust von 1,2 Kubikkilometern eine leichte Erholung gegenüber den Extremjahren — der Rückgang hielt aber an. Der Trend nach unten ist unverändert.
Was die Gletscherschmelze bedeutet
Gletscher sind keine blossen Landschaftsmerkmale. Sie funktionieren als Wasserspeicher: Im Winter akkumuliert sich Schnee und Eis, im Sommer fliesst das Schmelzwasser in Flüsse und Grundwasserkörper. Für die Wasserverfügbarkeit in trockenen Sommermonaten sind sie ein Puffer — vor allem für Rhein, Rhone und Aare.
Dieses System hat einen Wendepunkt: «Peak Water». Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) stellt fest, dass dieser Punkt für viele Alpengletscher bereits erreicht ist oder in Kürze erreicht sein wird. Solange ein Gletscher schrumpft, gibt er vorübergehend mehr Wasser ab als langfristig nachhaltig wäre. Danach, wenn das Eis zu klein ist, sinkt der Schmelzwasserabfluss. In heissen, trockenen Sommern werden die Flüsse dann niedrigere Pegelstände aufweisen als heute.
Gletscherseen stellen ein wachsendes Hochwasserrisiko dar. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden in der Schweiz fast 1’200 neue Gletscherseen infolge der Eisschmelze. Zwischen 2006 und 2016 allein kamen 180 hinzu. Wenn solche Seen brechen oder überlaufen, entstehen sogenannte Gletschersee-Ausbruchsfluten (GLOFs). Das BAFU schätzt, dass rund 700’000 Menschen in der Schweiz von einem solchen Ereignis betroffen sein könnten.
Dazu kommt die Permafrost-Problematik. In Hochlagen der Alpen hält gefrorener Untergrund Felsmassen zusammen. Taut der Permafrost, verlieren Hänge ihre Stabilität — die Folge sind häufigere Felsstürze und Bergstürze. Kletterrouten wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt, Berghütten müssen aufwändig gesichert oder verlegt werden. Eine direkte Konsequenz der Gletscherschmelze, die im Alltag der Bergbevölkerung bereits angekommen ist. Was diese und weitere Folgen für die Schweiz insgesamt bedeuten, ist im Artikel Klimawandel Schweiz: Auswirkungen auf Alltag, Wirtschaft und Regionen ausführlicher beschrieben.
Was davon übrig bleiben wird
Die Frage, wieviel Eis bis 2100 noch vorhanden sein wird, hängt direkt davon ab, wie stark die globalen Temperaturen steigen. Die ETH Zürich hat 2025 entsprechende Projektionen publiziert — mit zwei markanten Szenarien. Die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften (scnat.ch) bündelt die wissenschaftlichen Grundlagen zu Gletscherschwund und Klimafolgen für die Schweiz.
Bei einer Erwärmung von rund 3 Grad Celsius — was dem aktuellen Emissionspfad entspricht — würden bis 2100 nahezu alle Schweizer Gletscher verschwinden. Weniger als 5 Prozent blieben bestehen, als Eisreste in höchsten Lagen. Kleinere und mittlere Gletscher wären vollständig verloren. Der Aletschgletscher würde in dieser Projektion auf einen Bruchteil seiner heutigen Grösse schrumpfen.
Im 1,5-Grad-Szenario sieht die Bilanz weniger extrem aus, aber nicht gut. Rund zwei Drittel des heutigen Eisvolumens gingen verloren. Von den 1’400 Gletschern würden 1’100 bis 1’200 verschwinden — die kleineren und tiefer gelegenen zuerst. Grössere Gletscher wie der Aletsch würden in reduzierter Form bestehen bleiben. Der Unterschied zwischen den Szenarien ist real und durch Klimapolitik beeinflussbar.
Für den Tourismus bedeutet selbst das günstigste Szenario erhebliche Veränderungen. Gletschergebiete, die heute als Wanderziel oder für Skitouren genutzt werden, werden sich verändern oder verschwinden. Für die Wasserversorgung gilt: Die Schweiz verfügt über ausreichende Niederschläge, um langfristig keine Wasserknappheit zu erleiden — die saisonale Verteilung und die Pufferfunktion im Sommer werden sich aber verschieben.
Fazit
Die Zahlen von GLAMOS und der ETH Zürich zeichnen ein klares Bild. Schweizer Gletscher schmelzen schneller als je zuvor gemessen. Zwei Extremjahre haben ein Zehntel des verbleibenden Eises vernichtet. Was bis 2100 übrig bleibt, hängt von Entscheidungen ab, die jetzt getroffen werden — auf globaler Ebene, aber auch in der Schweizer Klimapolitik. Die Gletscher sind dabei kein Symbol, sondern ein Messpunkt: für Wasserverfügbarkeit, Hangstabilität und die Geschwindigkeit der Veränderungen in den Alpen.