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Klima International

Paris-Abkommen und EU Green Deal: Was das für die Schweiz bedeutet

Aktualisiert:
UNO Klimakonferenz mit Schweizer Delegation, internationale Klimapolitik
Internationale Klimakonferenz mit Delegierten verschiedener Länder

Die Schweiz ist kein EU-Mitglied. Sie ist keine Grossmacht. Und trotzdem: Was in Paris 2015 vereinbart wurde und was Brüssel unter dem Label «Green Deal» vorantreibt, betrifft Schweizer Unternehmen, Schweizer Exporteure und die Schweizer Klimapolitik direkt. Die internationalen Rahmenbedingungen setzen den Takt — die Schweiz muss darauf reagieren, ob sie will oder nicht. Dieser Artikel erklärt, was das Paris-Abkommen konkret festschreibt, wo die Schweiz im globalen Vergleich steht, was der EU Green Deal für den Wirtschaftsstandort bedeutet und welche Rolle der Finanzplatz Zürich dabei spielt.

Das Paris-Abkommen von 2015 — was es enthält

Im Dezember 2015 einigten sich 196 Staaten in Paris auf ein rechtlich verbindliches Klimarahmenabkommen unter der Schirmherrschaft der UNO. Das Kernziel: die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau begrenzen — und nach Möglichkeit auf 1,5 Grad. Die offiziellen Vertragstexte und Dokumente zum Pariser Abkommen sind beim UNFCCC-Sekretariat zugänglich.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Werten ist nicht akademisch. Bei 1,5 Grad Erwärmung rechnen Klimamodelle mit dem Verlust von rund 70 bis 90 Prozent aller Korallenriffe weltweit. Bei 2 Grad sind es nahezu alle. Für die Schweiz konkret: Der Unterschied zwischen 1,5 und 2 Grad entspricht nach Einschätzung des Bundes unter anderem einer deutlich höheren Frequenz extremer Hitzesommer und beschleunigtem Gletscherschwund in den Alpen.

Das Abkommen setzt auf ein System sogenannter Nationally Determined Contributions (NDCs) — nationale Klimabeiträge, die jeder Vertragsstaat selbst definiert und alle fünf Jahre verschärfen muss. Das Prinzip: keine einheitliche Top-down-Vorgabe, sondern nationale Selbstverpflichtung mit internationalem Kontrollmechanismus. Kritiker bemängeln die fehlende Durchsetzbarkeit; Befürworter sehen im Verfahren den einzigen realistischen Ansatz, der 196 Staaten unter einem Dach vereint.

Die Schweiz hat das Pariser Übereinkommen am 6. Oktober 2017 ratifiziert. Ihr NDC für den Zeitraum 2021 bis 2030 lautet: minus 50 Prozent Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 — unter teilweiser Anrechnung ausländischer Emissionsminderungen. Das langfristige Ziel ist Netto-Null bis 2050, gesetzlich verankert im Klimaschutz- und Innovationsgesetz, das die Stimmbevölkerung im Juni 2023 angenommen hat.

Im Januar 2025 verabschiedete der Bundesrat ein weiteres NDC für den Zeitraum 2031 bis 2035: minus 65 Prozent gegenüber 1990 bis 2035. Dieses Ziel wurde fristgerecht am 10. Februar 2025 bei der UNO-Klimarahmenkonvention eingereicht — dem exakt gleichen Datum wie dieser Artikel, ein Jahr später. Die Ambition wächst; die Frage, ob die Umsetzung Schritt hält, ist eine andere.

Wo die Schweiz im internationalen Vergleich steht

Wer verstehen will, wie die Schweizer Klimapolitik von aussen bewertet wird, findet beim Climate Action Tracker (CAT) eine der nüchternsten Einschätzungen. Das unabhängige Forschungsnetzwerk bewertet Länder danach, ob ihre Politiken und Ziele mit dem 1,5-Grad-Pfad kompatibel sind. Das Urteil für die Schweiz: «Insufficient» — unzureichend.

Das klingt hart. Die Begründung ist spezifisch: Der CAT kritisiert vor allem, dass die Schweiz einen Teil ihrer Klimaziele durch den Kauf ausländischer Emissionsminderungen erfüllen will, statt die Reduktionen vollständig im Inland zu leisten. Beim Ausbau erneuerbarer Energien gibt es allerdings Fortschritte — das Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien von 2024 bewertet der CAT als positiven Schritt, der in der Klimapolitik-Bewertung zu «Almost sufficient» führt. Das reicht aber nicht aus, um das Gesamturteil zu kippen.

Stärken der Schweiz im internationalen Vergleich: politische Stabilität, ein funktionierendes Rechtssystem, eine starke Technologiebasis und ein Finanzmarkt, der sich zunehmend mit Klimarisiken auseinandersetzt. Das sind keine Kleinigkeiten. Schwäche ist eine andere Dimension: Der konsumbasierte CO2-Fussabdruck — also die Emissionen, die für die Befriedigung der inländischen Nachfrage weltweit anfallen — beträgt rund 12 Tonnen CO2-Äquivalente pro Kopf (konsumbasierte Methode, Swissinfo/SRF). Das ist deutlich mehr als die reinen Inlandemissionen: 40,8 Millionen Tonnen geteilt durch 8,8 Millionen Einwohner ergibt rund 4,6 Tonnen pro Kopf. Mehr als 60 Prozent des Schweizer Treibhausgas-Fussabdrucks entstehen im Ausland. Dieser Teil taucht in keiner offiziellen Reduktionsstatistik auf. Die Genehmigungsbotschaft des Bundesrats zur Ratifizierung des Pariser Abkommens ist über das Bundesrechtssystem auf admin.ch nachzulesen.

Wie die Schweizer Klimaziele gesetzlich verankert sind und warum das erste CO2-Gesetz 2021 scheiterte, erklärt der Pillar-Artikel CO2-Gesetz Schweiz: Was es bedeutet und warum es 2021 scheiterte. Welche Auswirkungen die Erderwärmung bereits heute auf Schweizer Regionen, Landwirtschaft und Infrastruktur hat, zeigt der Artikel Klimawandel Schweiz: Auswirkungen auf Alltag, Wirtschaft und Regionen.

EU Green Deal — was er ist und was er für die Schweiz bedeutet

Der EU Green Deal ist das Klimaprogramm der Europäischen Kommission, vorgestellt im Dezember 2019 unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Das Oberziel deckt sich mit dem Pariser Abkommen: Klimaneutralität in der EU bis 2050. Das 2030-Zwischenziel wurde mit dem europäischen Klimagesetz auf minus 55 Prozent gegenüber 1990 festgeschrieben — das «Fit for 55»-Paket enthält die entsprechende Gesetzgebung quer durch alle Sektoren.

Für Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz relevant ist vor allem ein Instrument: der Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz CBAM. Das Prinzip ist simpel. Wer kohlenstoffintensive Güter in die EU einführt, ohne dafür einen CO2-Preis bezahlt zu haben, muss ab dem vollständigen Inkrafttreten 2026 EU-Zertifikate kaufen. Betroffen sind zunächst sechs Sektoren: Stahl und Eisen, Aluminium, Zement, Düngemittel, Elektrizität und Wasserstoff.

Für Schweizer Exporteure in diesen Bereichen bedeutet das: Sie müssen ihren EU-Kunden detaillierte Emissionsdaten liefern. Wer einen verifizierbaren CO2-Preis in der Schweiz bezahlt hat — und das tun viele Unternehmen über das Schweizer Emissionshandelssystem, das mit dem EU-ETS verknüpft ist — kann diesen anrechnen lassen. Das reduziert die finanzielle Belastung. Trotzdem steigt der administrative Aufwand erheblich.

Ein zweiter Hebel ist die Frage der Bilateralen. Das Vertragspaket Schweiz–EU (Bilaterale III) wurde im Dezember 2024 materiell abgeschlossen und am 2. März 2026 formell unterzeichnet. Es umfasst unter anderem ein neues Stromabkommen — für die Schweiz zentral, weil ohne Anbindung an den EU-Strombinnenmarkt der grenzüberschreitende Stromhandel strukturell benachteiligt ist. Ein eigenständiges Klimaabkommen ist im Paket nicht enthalten; die Klimakooperation läuft vor allem über das verknüpfte Emissionshandelssystem und bilaterale Vereinbarungen im Energiebereich.

Wasserstoffstrategie, Sektorkopplung, Industrieautomatisierung — das sind Felder, auf denen die EU massiv investiert. Die Schweiz kann sich andocken oder abkoppeln. Die Forschungskooperation über Horizon Europe und die Energiepartnerschaft über das Stromabkommen bilden erste Anschlüsse. Ob die Schweiz bei der europäischen Wasserstoffinfrastruktur eine aktive Rolle übernimmt oder nur Transitkorridor bleibt, ist politisch noch offen.

Globale Klimafinanzierung und die Schweiz

Klimapolitik kostet Geld — und ein grosser Teil davon fliesst in die sogenannte Klimafinanzierung für Entwicklungsländer. Das Paris-Abkommen verpflichtet Industriestaaten, ärmere Länder bei Klimaschutz und Anpassung finanziell zu unterstützen. An der COP29 in Baku im November 2024 einigten sich die Vertragsparteien auf ein neues Ziel: 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr bis 2035 — eine Verdreifachung des bisherigen Ziels von 100 Milliarden.

Die Schweiz trägt ihren Teil bei. Für den Green Climate Fund hat der Bund für die Periode 2024 bis 2027 einen Beitrag von 150 Millionen US-Dollar zugesagt und ist im Vorstand vertreten. Über die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) fliesst weitere Klimafinanzierung in Anpassungsprojekte in besonders betroffenen Regionen.

Daneben spielt Zürich als Finanzplatz eine eigenständige Rolle. Die Swiss Climate Scores, eingeführt 2022 vom Bund, ermöglichen Anlegern den Vergleich von Finanzprodukten hinsichtlich ihrer Klimaausrichtung — sechs Transparenzindikatoren, darunter Treibhausgasemissionen, Exposition gegenüber fossilen Energieträgern und überprüfte Netto-Null-Verpflichtungen. Ab Januar 2025 sind zusätzliche optionale Indikatoren definitiv in Kraft. Parallel dazu greift für grosse Schweizer Unternehmen die Klimaberichterstattungspflicht nach TCFD-Standard, die erstmals für das Geschäftsjahr 2024 gilt.

Fazit

Die Schweiz steht zwischen zwei Koordinatensystemen: dem eigenen Klimarecht, das mit dem Klimaschutz- und Innovationsgesetz eine klare Linie zieht, und dem internationalen Rahmen, der die Bedingungen laufend verschärft. Das Paris-Abkommen gibt den globalen Takt vor, der EU Green Deal setzt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den wichtigsten Handelspartner. Beides wirkt auf die Schweiz — unabhängig von ihrer Mitgliedschaft. Was die Schweiz daraus macht, entscheidet sich in den nächsten Jahren: in der Umsetzung des Klimaschutzgesetzes, im Ausbau erneuerbarer Energien, in der Frage, wie ehrlich der Fussabdruck gemessen und kommuniziert wird.

Klimapolitik-Vergleich: NDC-Ziele 2030, CO2-Preise und Netto-Null-Zieldaten (Quellen: UNFCCC, Climate Action Tracker)
Klimapolitik-Vergleich: NDC-Ziele 2030, CO2-Preise und Netto-Null-Zieldaten (Quellen: UNFCCC, Climate Action Tracker)