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Klima International

Klimaziele 2030 Schweiz: Auf Kurs oder nicht?

Windturbinen und Solaranlagen in der Schweizer Alpenlandschaft

Die Schweiz hat sich verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 50 Prozent zu senken. Das klingt ehrgeizig — und das ist es auch. Aktuell liegen die Emissionen laut BAFU-Treibhausgasinventar bei 40,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten (2023), rund 26 Prozent unter dem Stand von 1990. Bis zum Ziel fehlen also noch rund 24 Prozentpunkte in weniger als fünf Jahren. Die Frage ist nicht, ob die Schweiz Fortschritte macht — die macht sie. Die Frage ist, ob das Tempo reicht.

Was das Ziel genau ist

Das -50%-Ziel bis 2030 gegenüber 1990 ist keine freiwillige Selbstverpflichtung. Es ist im revidierten CO2-Gesetz verankert, das seit dem 1. Januar 2025 in Kraft ist, und entspricht der Schweizer NDC (National Determined Contribution) unter dem Pariser Klimaabkommen. Davon müssen mindestens 75 Prozent der Reduktion im Inland erbracht werden — die restlichen 25 Prozent dürfen über internationale Klimaschutzprojekte (sogenannte ITMOs) kompensiert werden. Die eingereichten NDC-Beiträge aller Vertragsstaaten — einschliesslich der Schweiz — sind in der NDC-Datenbank der UNFCCC öffentlich zugänglich.

Der Ausgangspunkt: 1990 stiessen die Schweiz rund 54 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus. Das Zielniveau 2030 liegt bei 27 Millionen Tonnen. Aktuell: 40,8 Millionen Tonnen. Es verbleiben also rund 14 Millionen Tonnen, die in fünf Jahren wegfallen müssen — entweder durch Inlandreduktionen oder Auslandkompensationen.

Ein Zwischenziel existiert ebenfalls: Bis 2025 hätten die Emissionen auf etwa 35 Millionen Tonnen sinken sollen (–35 % gegenüber 1990). Dieses Ziel wurde klar verfehlt. Was das CO2-Gesetz dazu im Detail regelt und wie die Schweizer Klimapolitik dazu geführt hat: CO2-Gesetz Schweiz: Was es bedeutet und warum es 2021 scheiterte.

Wo die Schweiz auf Kurs ist

Nicht alles ist Rückstand. Es gibt Sektoren, die sich sichtbar bewegt haben.

Der Gebäudesektor zeigt die deutlichsten Fortschritte. Die Emissionen aus Heizungen und Warmwasserbereitung lagen 2023 bei rund 9,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten — das entspricht einer Reduktion von rund 46 Prozent gegenüber 1990. Treiber sind das Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen, das den Heizungsersatz mit direkten Beiträgen fördert, sowie steigende Brennstoffpreise nach 2021 und die Wärmepumpe, die sich als Standard bei Neubauten etabliert hat. Pro Jahr werden mittlerweile rund 50’000 fossile Heizungen durch klimafreundliche Alternativen ersetzt. Die konkreten Fördermassnahmen zur Emissionsreduktion in den einzelnen Sektoren dokumentiert das BAFU in seiner Übersicht der Verminderungsmassnahmen.

Die Industrie hat ebenfalls reduziert — vor allem durch den Schweizer Emissionshandel (ETS), der seit 2020 mit dem EU-ETS verknüpft ist. Betriebe, die unter das System fallen, haben messbare Emissionssenkungen erzielt. Der CO2-Preis im ETS schafft einen kontinuierlichen Anreiz.

Die Stromerzeugung ist ein Sonderfall: Der Schweizer Strommix ist traditionell arm an fossilen Brennstoffen. Wasser- und Kernkraft dominieren, was die direkten Emissionen aus der Stromerzeugung vergleichsweise gering hält. Das entlastet die Gesamtbilanz strukturell — ist aber kein aktiver Fortschritt, sondern eine günstige Ausgangslage.

Wo sie hinterherhinkt

Der Verkehrssektor ist das offenkundigste Problem. Trotz sprunghaft steigender Elektroauto-Neuzulassungen — der Anteil rein elektrischer Fahrzeuge bei Neuzulassungen lag 2023 bei rund 21 Prozent, inklusive Plug-in-Hybride bei knapp 30 Prozent — haben sich die Gesamtemissionen des Verkehrs kaum bewegt. 2023 lagen sie bei 13,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten, gerade einmal 8 Prozent unter dem Stand von 1990. Drei Jahrzehnte Klimapolitik, und der Sektor, der rund 33 Prozent der Inlandemissionen ausmacht, hat kaum reagiert.

Das liegt an der Fahrzeugflotte. Neue E-Autos ersetzen zwar Verbrenner, aber der Gesamtbestand dreht sich langsam. Rund 4,8 Millionen Personenwagen fahren auf Schweizer Strassen — davon sind Ende 2023 weniger als 5 Prozent vollelektrisch. Die Erneuerungsrate reicht nicht aus, um bis 2030 eine merkliche Emissionsreduktion zu erzeugen. Das Wachstum im Güterverkehr wirkt zusätzlich bremsend.

Die Landwirtschaft erzeugte 2023 rund 6,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Dieser Sektor ist strukturell schwer zu dekarbonisieren: Methan aus der Tierhaltung und Lachgas aus Böden lassen sich nicht durch Elektrifizierung eliminieren. Ohne Änderungen in der Ernährung und bei der Tierdichte werden die Emissionen stagnieren.

Dazu kommt ein Problem, das in der inländischen Bilanz gar nicht auftaucht: die konsumbedingten Emissionen. Die Schweiz importiert emissionsintensive Güter — von Elektronik über Kleidung bis zu Nahrungsmitteln — und verursacht damit im Ausland CO2, das nicht im BAFU-Inventar erscheint. Schätzungen gehen davon aus, dass der ökologische Fussabdruck der Schweiz pro Kopf rund zweieinhalbmal so gross ist wie der ausgewiesene Inlandausstoss.

Das ist kein Messfehler, sondern eine systemische Lücke in der Klimabilanz. Wie das Pariser Abkommen und der EU Green Deal damit umgehen — und was das für die Schweiz bedeutet — ist in diesem Artikel ausgeführt: Klimaschutz International: Paris-Abkommen, EU Green Deal und die Schweiz.

Was bis 2030 noch realistisch ist

Das BAFU hat keine Prognose veröffentlicht, die das 50-Prozent-Ziel mit den aktuell beschlossenen Massnahmen für erreichbar hält. Die Lücke ist real. Um von 40,8 Millionen Tonnen (2023) auf 27 Millionen Tonnen (Ziel 2030) zu kommen, bräuchte die Schweiz in fünf Jahren eine Reduktion von fast 14 Millionen Tonnen. Das entspricht dem Dreifachen des Rückgangs der letzten vier Jahre zusammen.

Was fehlt: Schärfere Massnahmen im Verkehr — konkret ein deutlich beschleunigter Flottenwandel, der ohne politischen Druck nicht passiert. Stärkere Anreize in der Landwirtschaft, die bisher politisch kaum angetastet wurde. Und eine ehrliche Auseinandersetzung damit, wie viel der Zielerfüllung über Auslandkompensationen gedeckt werden soll.

Letzteres ist der heiklere Punkt. Die Schweiz plant, bis zu 25 Prozent ihrer Zielerfüllung über ITMOs — also international anerkannte Emissionsreduktionen in Drittländern — abzudecken. Entsprechende Abkommen hat sie mit Ländern wie Ghana, Senegal, Peru und der Dominikanischen Republik abgeschlossen. Das Problem: Die Umsetzung dieser Projekte hinkt weit hinter den Plänen zurück. Kritiker wie die Klimaschutz-Stiftung Klik sprechen offen davon, dass die Bundesratsstrategie mit den Auslandkompensationen «vollkommen unrealistisch» sei.

Kurzum: Die Schweiz braucht mehr als sie aktuell liefert — sowohl im Inland als auch bei den Auslandprojekten. Das Ziel ist nicht unerreichbar, aber es erfordert eine Beschleunigung, die bisher politisch nicht durchgesetzt wurde.

Fazit

Die Schweiz hat seit 1990 messbare Fortschritte erzielt. Gebäude und Industrie zeigen, dass Reduktionen möglich sind. Aber das Tempo ist ungleich verteilt — der Verkehr bewegt sich kaum, die Landwirtschaft kaum, und die Auslandkompensationen funktionieren bislang nicht wie geplant. Bei einem ehrlichen Blick auf die Zahlen: Das 2030-Ziel wird mit den aktuellen Massnahmen nicht erreicht. Das ist kein Katastrophenszenario, aber es ist auch kein Grund zur Entwarnung.

Schweizer Klimaziele 2030: Emissionen nach Sektor — Ziele vs. aktueller Stand (Quelle: BAFU)
Schweizer Klimaziele 2030: Emissionen nach Sektor — Ziele vs. aktueller Stand (Quelle: BAFU)